ZURÜCK NACH CHILE


  • Mayo 20, 2020
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ZURÜCK NACH CHILE

ZURÜCK NACH CHILE

 

Von Katharina Wittmann

 

In Ushuaia hat es uns dann doch nicht mehr gehalten. Ich wollte weiter – nach einem Monat. Unser Platz in Ushuaia war wunderbar, wir hatten die Toilette vom Campingplatz, genug Feuerholz, Wasser aus dem Fluss und die Möglichkeit, im Supermarkt einzukaufen. Aber es gab irgendwie kein vor und zurück in Ushuaia. Wir konnten nicht nach Puerto Williams um unsere Wanderung zu machen, das war klar. Und in den nördlichen Teil von Argentinien konnten wir auch nicht, weil wir – auf Grund der Lage von Ushuaia auf Feuerland – erst nach Chile hin ausreisen müssten und dann wieder nach Argentinien einreisen. Das ist mit den momentanen Sicherheitsbestimmungen wegen Corona nicht möglich. Unsere einzige Möglichkeit war, nach Chile zurückzufahren. Da ich eine “Permanencia definitiva” (spezielle Aufenthaltsgenehmigung) habe, und Milton Chilene ist, dürfen wir nach Chile einreisen.

Bei der Polizei in Ushuaia bekamen wir eine Ausnahmegenehmigung um von Ushuaia bis zum Grenzübergang San Sebastian fahren zu können. Dieses Dokument zu organisieren war überraschend einfach, da Susan und Victor schon vorher einige Tage damit verbracht hatten, sich über die nötigen Dokumente zum Ausreisen zu informieren. Wir hatten also schon alle Informationen und wussten, an welche Polizeidienststelle wir uns wenden mussten. Wir durften also weg! In den nächsten drei Tagen bereiteten wir alles für unseren (vorläufigen) Abschied aus Argentinien vor. Wir machten den anstehenden Ölwechsel bei Bagual (mit Hilfe von unserem Pferdchen Patitas), machten eine Verbesserung an der Vorrichtung um den Benzinkanister sicherer zu transportieren und versuchten, alles das Essen aufzuessen, das wir nicht nach Chile über die Grenze nehmen durften.

 

Auf der Ruta 3 kurz nach Ushuaia: Torf, Lenga-Bäume und die Berge

 

Und dann kam der Tag der Abreise am 10. April: Nach einem gemütlichen Frühstück brachen wir auf. Unser Weg führte uns zuerst durch das gespenstisch leere Ushuaia. Es war kein Mensch auf der Straße. Die sonst so belebte Uferpromenade war leer. Das Schild nahe am Hafen, an dem jeder Tourist mindestens drei Fotos macht – keine Menschenseele. Ein schöner, aber auch komischer Anblick. Wir brauchten trotzdem fast zwei Stunden, um die Stadt von West nach Ost mit Bagual zu durchqueren. Wir mussten durch drei Kontrollen, die trotz unserer Ausnahmegenehmigung länger dauerten. Endlich auf der Ruta 3 angekommen, ging es in unserem gewohnten VW-Bus-Tempo erst Richtung Nordosten, Richtung Lago Cami und dem Städtchen Tolhuin. Der Weg war ein einziges Spektakel. Der einzige Verkehr waren einige Versorgungslastwagen, sonst war es leer. Der Herbst hatte die Lenga-Bäume gelb, orange und blutrot eingefärbt und die schräg einfallende Restsonne des Tages intensivierte die Farben. Dieses Farbenspiel erstreckte sich von etwas überhalb des wassergetränkten Torfbodens bis auf ungefähr 600 Höhenmeter. Weiter oben war der blanke Fels der Gipfel zu sehen, die entweder von den Gletschern der letzten Eiszeit abgerundet und geformt worden waren oder noch spitz und zackig in die Höhe ragten. Zwischen den Bergen sah man die ein oder andere milchige Lagune, die vom Gletscherwasser gespeist wird. Schneebedeckte Gipfel ragten in den hinteren Zonen des Darwin-Gebirges immer mal wieder hervor. Wir fühlten uns privilegiert, an diesem Fleckchen Erde zu sein und diese besondere Schönheit der Natur sehen zu dürfen. Herbst in Feuerland – unbeschreiblich schön!

Es war eine Wohltat, wieder in Bewegung zu sein. Nach einem Monat Ushuaia und davon drei Wochen auf besagtem Camping -platz war es schön, wieder im Bus zu sitzen.

Es folgte eine weitere Kontrolle in Tolhuin. Nach 20 Minuten Wartezeit durften wir auch hier ohne Schwierigkeiten weiterfahren und kamen schließlich nach Rio Grande. Oder besser gesagt an die YPF Tankstelle vor Rio Grande. Es war nicht möglich, auf dem Weg nach Chile in ein Dorf reinzufahren, dazu waren die Sicherheitsbestimmungen zu streng. Aber wir wussten das vorher und wollten ja auch gar nicht nach Rio Grande rein.  An der Tankstelle füllten wir Bagual mit 93er Benzin, so wie er es gerne hat. Und wir gönnten uns eine warme Dusche!!! Die gibts hier gratis! Was für ein erholsames Erlebnis! Durch die Fahrt war ich komplett durchgefroren. Wir müssen ja besonders wenns kalt ist mit offenem Fenster fahren damit die Windschutzscheibe nicht beschlägt. Unsere nicht vorhandene Heizung für den Fahrzeuginnenraum kann wenigstens nicht kaputt gehen, das ist aber auch ihr einziger Vorteil. So ist das halt, in einem älteren Bus. Nicht alles immer romantisch und toll, manchmal auch einfach nur mega kalt und ungemütlich.

Nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht an der Tankstelle ging es am Vormittag weiter Richtung chilenische Grenze. Es war nicht mehr weit und der Grenzübergang war auch weitestgehend problemlos. Wir mussten verschiedene Aus- und Einreisepapiere ausfüllen und versichern, nach unserer Ankunft eine zweiwöchige Quarantäne einzuhalten. Des weiteren wurde unsere Temperatur gemessen und ein freundlicher chilenischer Beamter schenkte und jeweils zwei Gesichtsmasken. Die sind ja gerade schwer zu bekommen und mittlerweile Pflicht um die Einkäufe zu erledigen.

 

Bagual im Niemandsland zwischen Argentinien und Chile

 

Unser Weg führte uns weiter, jetzt wieder Richtung Süden, auf der chilenischen Seite von Feuerland Richtung Lago Blanco. Das Farbenschauspiel von gestern setzte sich fort und es war eine reine Freude, bei wunderbarem Wetter durch die herbstliche Lenga-Waldlandschaft zu fahren, die sich mit der endlos scheinenden Pampa hier abwechselte. Die Straße hatte sich mittlerweile in einen Feldweg verwandelt und führte uns in ein Minidorf, mit dem vielsagenden Namen “Pampa Guanaco”. Der Name sprach definitiv für sich: Es war eine Pampa wie sie im Buche steht mit unzähligen Guanakos. Gegen Spätnachmittag kamen wir in Lago Blanco an. Lago Blanco ist kein Dorf, sondern einfach ein See, an dem ein paar wenige Ferienwohnungen stehen. Aber wieso haben wir Lago Blanco als Ziel unserer Reise ausgesucht? Seit einigen Monaten bin ich mit Ulrike und Michael über WhatsApp in Kontakt, zwei Deutsche, die auch in einem VW Bus unterwegs sind. Den Kontakt hat eine gemeinsame Arbeitskollegin hergestellt. Da Ulrike und Michael (mit ihrem kleinen Sohn Santino) von Bolivien Richtung Ushuaia unterwegs waren, dachten wir, wir könnten uns ja vielleicht auf dem Weg irgendwo zufällig treffen. Das ist aber nie wirklich was geworden und als wir in Ushuaia waren, waren die Grenzen schon zu und die beiden konnten nicht mehr nach Argentinien einreisen. Sie strandeten bei Fernando und Odette, die Besitzer einiger kleiner und gemütlicher Ferienhäuser direkt am Ufer des Lago Blanco. Und weil wir keine Ahnung hatten, wo wir sonst hin sollten, fuhren wir einfach dort hin. Und es war ein Volltreffer! Zusammen mit Michael und Ulrike konnten wir in einem der Ferienhäuser Quartier beziehen. Nebenan gab es ein separates Haus mit Küche und großem Esszimmer, das wir auch in Beschlag nehmen durften. Und das alles ohne einen Pfennig zu zahlen. Die Großzügigkeit von Fernando und Odette ist wirklich unglaublich. Für uns hieß das: beheizbares Schlafzimmer mit großen Betten und guten Matratzen, eigenes Bad mit Toilette und warmer Dusche. Es war ein Traum. Und diese Ruhe: Kein bellender Hund, keine krähenden Geier, Falken oder Papageien (es gab einen Hund, aber der bellte nicht viel, es gab auch Geier, Falken, Kondore und Papageien und etliches anderes Getier, aber die setzten sich nicht in aller Früh vor unser um uns aufzuwecken, wie das oft in Ushuaia der Fall war). Absolute Stille und Dunkelheit in der Nacht. Es war ein Wohltat, nicht ständig dem Wetter ausgesetzt zu sein. Wir genossen die ersten Tage hier sehr.

 

Lago Blanco mit Blick Richtung Südosten, links der Cerro Cuchilla

 

 

Lengas im Herbstlicht, darunter torfiger Boden mit allerlei Flechten, Moosen und Yareta.

 

 

———- Information: Wir blieben bis 18.5. in Lago Blanco und fuhren dann weiter um auf der Estancia Caleta Maria zu überwintern. Dort werden wir kein Internet haben und ich kann somit auch die Blogs nicht aktualisieren. Ich wünsche allen Lesern einen schönen Winter oder Sommer, je nach Wohnort. Natürlich melde ich mich sobald es möglich ist! ———-

 

 

 

 

Comments (4)

Uwe Mauermannn

9 Junio, 2020 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

Liebe Katharina! Mut grosser Freude lesen wir deinen Blog. Das weckt Erinnerungen an unsere gemeinsame Reise im Februar 2020. Dann kommt gut über den Winter.
Ganz liebe Grüße
Katrin und Uwe Mauermann

    admin

    19 Junio, 2020 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

    Danke dir Uwe! Ich freue mich sehr, dass mein Blog interessierte Leser findet! Reisen ist immer ein Erlebnis (aber das weisst du ja selbst :)
    Liebe Grüsse aus dem Süden!
    Katharina

Anne

21 Junio, 2020 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

Liebe Katharina, hochinteressant, du schreibst wundervoll, sehr bildhaft, toll, man reist förmlich mit. Auch gut zu wissen, wie bei euch mit Corona umgegangen wird, wie ihr die Krise erlebt...war ganz schön hart für euch. In Berlin ist alles wieder lockerer, Biergarten, Freunde treffen, Tanzkurs 10 qm pro Paar, den Sommer genießen... Kommt gut durch den Winter!!! Freuen uns auf die Fortsetzung eurer Abenteuer... Liebe Grüsse von Reiner und Anne

    admin

    11 Julio, 2020 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

    Anne, ja, Mensch, hier ist Corona echt noch nicht überstanden. Gerade in Santiago ist die Situation echt schlimm. Ach, manchmal ist ich auch echt frustrierend, wie ungerecht die Welt ist. Aber man darf die Motivation nicht verlieren! Ich erinnre mich gerne an euch! Deine Energie ist so ansteckend, dass ich sie bis hier ans Ende der Welt spüre! Abrazos !!

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