UND WEITER AUF DER CARRETERA AUSTRAL


  • Abril 06, 2020
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UND WEITER AUF DER CARRETERA AUSTRAL

UND WEITER AUF DER CARRETERA AUSTRAL

 

Von Katharina Wittmann

 

Nach dem Jahreswechsel in Futaleufú und das so ersehnte Treffen mit Simone und Julian fuhren wir wieder zurück auf die Hauptroute der Carretera Austral über die Dörfer Puerto Ramirez und Villa Santa Lucia. Villa Santa Lucia war 2011 von einer riesigen Schlammlawine erfasst und zum Teil zerstört worden. Immer noch ist die Zerstörung sichtbar. Der Mensch ist hier nicht der dominierende Faktor. Die Natur ist in ihrer Schönheit aber auch in ihrer unglaublichen zerstörenden Kraft bestimmend.

Unser Weg führte uns aber weiter, insgesamt 150 km von Futaleufú in den Süden nach La Junta, ein Dorf, das direkt an der Carretera liegt. Dort verbrachten wir eine Nacht an dem See Lago Rosselot. (Wir fischten zwar nicht viel, aber eine chilenische Familie fuhr mit ihrem Boot auf den See, fischte und schenkte uns anschließend zwei riesige Forellen.)

 

Lago Rosselot – ein einsturzgefährdeter Steg; Milton wirft die Angel ein paar Mal aus

 

Die Carretera Austral geht ja prinzipiell in Nord-Süd Richtung. Es gibt nicht viele Abstecher nach Osten oder Westen und wenn, dann muss man eigentlich immer den  selben Weg wieder zurückfahren um wieder zurück auf die Carretera zu kommen. Viele Reisende bewegen sich von Norden nach Süden und lassen die Abstecher meistens ganz aus. Aber in den 15 Monaten unserer Reise haben wir gelernt, dass die schönsten Abenteuer oft auf genau diesen versteckten und nicht oft befahrenen Routen liegen.

Am nächsten Tag fuhren wir also weiter nach Lago Verde, ein Mini-Dorf, das nochmal ungefähr 75 km weiter östlich von La Junta liegt. Die Straße dorthin war zwar nur Schotterpiste, aber trotzdem in einem ganz passablen Zustand. Unsere Fahrt, die mindestens drei Stunden dauerte, wurde von tiefgrün bewachsenen Bergen, Wasserfällen, türkisblauen Flüssen, Sonnenschein und klarster Luft begleitet. In Lago Verde angekommen überraschte mich erst mal die Plaza in der Dorfmitte, die sehr dicht mit Bäumen bepflanzt war. Es war eigentlich ein Wald! Ich fand das total schön, auf der Plaza einfach einen Wald zu pflanzen. Das sollten mal mehr Kommunen machen, finde ich! Wir blieben nicht lange im Dorf, es war ja auch so gut wie nichts dort, sondern fuhren einen Kilometer weiter ans Ufer des Lago Verdes. Dort verbrachten wir zwei Nächte. Das Wetter war rauh, es windete sehr stark und der Regen peitsche gegen den Bus. Dann lugte die Sonne wieder zwischen den Wolken hervor. Es war überhaupt sehr beeindruckend den See zu beobachten, der sein Erscheinungsbild minütlich zu ändern schien. Die Berge und die darin gefangenen dunkelgrauen Regenwolken im Hintergrund warfen im Zusammenspiel mit der Sonne ein immer wechselndes Farbschauspiel auf die reflektierende Oberfläche des Sees. Ich habe kein Foto gemacht. Ihr könnt es Euch sicher vorstellen. Oder?

Nach zwei ruhigen Tagen in Lago Verde fuhren wir wieder Richtung La Junta. Da der Weg aber so schön war, packten wir das Fahrrad von Milton aus und fuhren abwechselnd – einer mit dem Rad und der andere mit dem Bus – nach La Junta. Das Wetter war toll (bewölkt mit ein bisschen Nieselregen – super zum Radfahren!) und die klare, frische Luft und die wechselten Grüntöne der Natur eine wahre Freude!

In La Junta angekommen suchten wir das Haus von Doris. Wer ist Doris? Doris ist eine Cousine von Edelweis. Wer von Anfang an mitgelesen hat kann ich vielleicht noch an Edelweis erinnern. Ich verlinke nochmal den Blog zu Edelweis. Wir haben sie im März 2019 in Currarehue in der Nähe von Pucón kennengelernt.

Doris war sehr nett zu uns und kochte außerdem sehr gut. Sie macht im Haushalt alles und pflegt Ofelia, ihre Mutter (die Schwester von Edleweis’ Mutter). Die Familie betreibt eine Rinderzucht und Eduardo, einer der Enkel von Ofelia, zeigte uns den bäuerlichen Betrieb. Zusammen mit ihm machten wir einen wunderschönen Regenausritt mit den Pferden der Farm und ich konnte eine Kuh melken, um ein bisschen Milch zu haben. Die Farm liegt direkt an der Carretera Austral am Fluss Rio Palena. Die Wassermassen des Flusses sind gigantisch. Die Berge in der Umgebung waren zu dieser Zeit sogar mit Schnee überzuckert. Es regnete sehr viel während der drei oder vier Tage bei Doris. Deswegen genossen wir die mit einem typischen “Oma-Ofen” geheizte Küche und aßen mit Freude die typischen deftigen Gerichte, die Doris für uns und die Familie kochte. Wenn es dann mal nicht regnete, verschwanden wir in Doris’ Garten und ernten Salat, Kohl und Unmengen an Himbeeren. Ich kochte ein paar Kilo Himbeeren als Marmelade ein. Ihr fragt euch sicher, warum es kein Foto von Doris und Ofelia gibt. Sie wollten nicht fotografiert werden. Die Leute sind eben schrullig hier – auch deswegen mag ich sie sehr…

Suchbild: Milton in den Himbeeren

 

Von La Junta aus wollten wir auch eine westliche Abzweigung weg von der Carretera Austral ausprobieren. Das Ziel unserer Fahrt war ein ungefähr 250 Einwohner zählendes Dorf, das an der Mündung des Rio Palena in den Pazifik liegt – Puerto Raúl Marín Balmaceda. Puerto Raúl Marín Balmaceda, ein kleines verschlafenes Dörfchen, das vor ungefähr 120 Jahren durch deutsche Pioniere gegründet wurde zeichnet sich durch die wunderschöne Lage am Meer, zwischen Bergen und am Fluss aus. Die Straßen sind aus Sand und natürlich kennt sich jeder. Die Gegend ist mit ursprünglichem dichten Wald bewachsen und riesige Nalcas (eine Art Ur-Rhabarber) geben einen prähistorischen Eindruck. Unser Übernachtungsplatz lag direkt am Fjord, zwei Mal am Tag schob sich das Wasser auf Grund der Gezeiten Richtung Meer und wieder zurück. Zum Frühstück am Strand gesellten sich ein paar Vertreter der Magellanpinguine, Seelöwen und ab uns zu eine Gruppe Delfine, die wir im Wasser beobachten konnten. Ich verstehe bis jetzt nicht, warum hier fast niemand hinfährt.

Ich machte eine sehr lange aber wunderschöne Wanderung durch den Wald am Meer entlang. Man konnte 400 Jahre alte Arrayan-Bäume sehen, sowie Coihue, Weiden, Chilco, Quilineja, Mañio, Tiaca, Farne, Fuinque, Pitra, Tepa und Luma. Alles einheimische Baum- oder Straucharten, die einen wunderbar dunklen, dichten, feuchten Wald kreieren.  Zwischen den Zweigen sprangen Chucaos oder Rayaditos herum, kleine aber recht vorwitzige Vögel, die lautstark ihr Revier verteidigten. Von den verschiedenen Aussichtspunkten hatte man einen schönen Blick aufs Meer und die kleinen Delfingruppen, die dort auf Nahrungssuche waren.

 

Ein Spaziergang durch die Dünen an den Strand – ein ganz besonderer Flecken Erde hier.

 

Am Steg im Dorf fischte ich ein bisschen mit meiner Angel und holte zwei “Pejereyes” aus dem Wasser. Sie waren nicht groß, aber lecker. Das beeindruckendste jedoch war, dass gleichzeitig ein Magellanpinguin und eine Gruppe Delfine auch dort fischten und sich von niemanden stören ließen. Es war wirklich sehr nett, mit meinen tierischen Angelpartnern den Nachmittag zu verbringen.

Am Vormittag hatten wir eine kleine Bootsexkursion mit Jonathan, einem lokalen Guide, gebucht. Wir fuhren mit noch zwei anderen Besuchern zu einer kleinen Inselgruppe und konnten viele viele Tiere beobachten: Seeotter, vier verschiedene Kormoranarten, eine Seelöwenkolonie und eine Gruppe verspielter Delfine, die aus Spaß hinter und neben unserem kleinen Boot schwammen und die Wellen des Bootes genossen.

Und wie es sich so ergeben hat, kamen wir mit Jonathan ins Gespräch. Er, seine Schwester und seine Mutter hatten ein paar Ferienhäuser, ein (wirklich gutes) Restaurant, ein kleines Turismusunternehmen, eine Touristeninformation und einen Supermarkt in Raúl Marín Balmaceda. Sie brauchten ein Schild am Ortseingang, damit die wenigen Besucher, die in Raúl Marin landen, zumindest die Touristeninformation finden konnten. Und Milton bot an, dieses Schild anzufertigen und zu installieren, im Gegenzug für 2 warme Mahlzeiten für uns am Tag. Das war der Deal!

 

Das Wegweiserschild kurz vor seiner Fertigstellung

 

Und so vergingen die Tage im beschaulichen Rául Marín Balmaceda, bis wir uns leider wirklich verabschieden mussten, weil ja noch zwei Reisegruppen auf mich warteten und ich dazu bis nach Coyhaique an den Flughafen musste.

Also, wir verbachten einige wunderschöne Wochen, die aber trotzdem viel zu schnell vergangen sind, auf dem ersten Teil der Carretera Austral. Ich habe mich sehr verliebt in diese unglaublich schöne und beeindruckende Natur. Hier ist der Mensch ganz klar nicht derjenige, der das Landschaftsbild bestimmt und den Rhythmus vorgibt (meistens).  Und auch hier, wo es durchschnittlich nur eine Person pro Quadratkilometer gibt, fängt der Wahnsinn schon an: Privatisierte Flüsse für zukünftige Stauseen um “umweltfreundliche” Energie zu erzeugen und Lachsfarmen die kiloweise Antibiotika benutzen und ofenbar niemandem Rechenschaft schuldig sind, in den entlegensten Fjorden die man sich nur vorstellen kann.

Leute, tut euch und allen anderen was Gutes und kauft keinen chilenischen Lachs. Wer mich besuchen kommt (nutzt die Chance!), mit dem gehe ich liebend gerne Angeln und wir fangen unseren eigenen Lachs*, garantiert wild und ohne Medikamente!

*kann ggf. auch eine Forelle werden (Anm. d. Rd.)

 

 

 

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