RÜCKBLICK V – Los Lagos und Seen


  • Junio 27, 2019
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RÜCKBLICK V – Los Lagos und Seen

RÜCKBLICK V – LOS LAGOS UND SEEN

 

Von Katharina Wittmann

 

Es war Ende April, als wir ein nettes Plätzchen am Ufer des Rio San Pedro in der Nähe von Los Lagos fanden (Kartenpunkt 57). Hier in Chile gibt es ein Gesetz, dass den freien Zugang zu allen Fluss- und Seeufern garantiert. Das geht allerdings nicht immer so problemlos wie an diesem Platz. Wir redeten mit dem Eigentümer und er hatte kein Problem damit, dass wir ein paar Tage an “seinem”Flussufer campen wollten. Es gab auch ein Pferdchen auf dem Grundstück, das freute mich natürlich besonders. Wir kochten, fischten (leider wieder ohne Erfolg) und erkundeten das Gelände. Das mit dem Fischen, also irgendwie klappte das nicht. Entweder fraßen uns die Fische den Köder vom Haken oder sprangen wie die Delfine aus dem Wasser und machten sich über unsere Angelversuche lustig. Na gut, aber man ja nicht alles haben. Es war trotzdem sehr schön, das Flussufer war wild und der Fluss bahnte sich je nach Wasserstand einen anderen Weg. Aber wie gesagt, die Fische waren schlau und bissen nicht an.

Am nächsten Tag gab es einen unerklärliche Invasion der gemeinen Stubenfliege und wir beschlossen am darauffolgenden Tag das Weite zu suchen. Es war echt komisch, es versammelten sich Tausende an Fliegen im Bus, alles war schwarz vor Fliegen. Es war unmöglich sie einfach so zu vertreiben, wir brauchten eine halbe Stunde um die meisten aus dem Bus zu haben und nach und nach schmissen wir sie durch die Fenster raus und der Rest wurde erschlagen….aber so was hab ich auch noch nicht gesehen….

 

Unser idyllisches Plätzchen im herbstlichen Flusstal

 

Miltons Freundin hatte uns das Ferienhaus ihrer Familie in Los Lagos angeboten, nur ca 10 Minuten von unserem Flussufer-Platz entfernt. Wir konnten so lange bleiben wie wir wollten. Toll! Das Haus liegt innerhalb eines riesigen Grundstücks voller Copihue (der Nationalblume Chiles), Wälder, Flüsse, Bäche. Unglaublich grün und soooo viel Natur. Don Domingo, der “Hausmeister” empfing uns. In Chile ist es üblich, dass die Ferienhäuser oft noch ein Nebenhaus haben, in dem meist ein älteres Ehepaar lebt, die “auf das Haus aufpassen”. Wie gesagt, in Chile ganz normal, ich finde das komisch. Don Domingo kam jeden Tag um ca. acht Uhr um Feuer in unserem Häuschen zu machen. Seine Frau backte Brot für uns. Das gehörte hier anscheinend zum “Service” mit dazu. Wir waren sehr dankbar für diesen Luxus und genossen es, eine Küche, ein Bad und eine Heizung zu haben. Es gab sogar einen Fernseher!

 

Unser bescheidenes Heim inmitten wilder Natur

 

Wir nutzten die Zeit um kleinere Reparaturen am Bus zu machen. Ihr seht schon, “kleinere Reparaturen” muss man quasi dauernd machen. Wir montierten die Seitenverkleidung ab, da sich das Holz an der Unterseite mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Wir trockneten es im warmen Wohnzimmer und sprühten dann einen transparenten Lack auf die betroffenen Stellen. Das war nicht weiter kompliziert. Aber es gab auch etwas größeres. Der Bus schaltete sich ja immer noch ab….Milton baute den Vergaser aus und tauschte einige Vergaserdüsen aus. Und – oh Wunder – das Problem war gelöst. Wir waren sehr erleichtert. Klingt einfach, hat uns aber Monate gebraucht, das Problem lokalisieren zu können, eine Lösung zu finden und diese auch umsetzten zu können. Aber letztendlich – endlich! endlich! endlich! – funktionier der Motor jetzt einwandfrei!

 

Lagebesprechung mit den Nachbarn

 

Milton wurde zu einem Kongress über Brandschutzmaßnahmen in schützenswerten Gebäuden eingeladen und fuhr dafür eine Woche nach Santiago – mit dem öffentlichen Bus, nicht mit Bagual. Aus Santiago brachte er mir einen neuen Laptop mit, und damit war ich gerüstet wieder an unserer Homepage zu arbeiten und endlich auch wieder über unsere Reise berichten zu können. 

Hier in Los Lagos lernten wir auch den berüchtigten Herbst- und Winterregen Südchiles kennen. Es regnete tagelang wie aus Kübeln, wir konnten keinen Fuß vor die Tür setzen. Mussten wir ja auch nicht, das war ja das Schöne, in einem Haus zu wohnen. Als wir ein paar Tage nach dem Regen einen Spaziergang machten, sahen wir, dass sich die Waldwege in Bäche verwandelt hatten und viele der nahegelegenen Wiesen überflutet worden waren. Wir fanden Baby-Forellen in austrocknenden Wasserpfützen mitten auf den Wegen. Sie wurden natürlich von uns umgesetzt. Der Fluss bestimmt und ändert in dieser Gegend das Landschaftsbild und der Regen ist im Herbst und Winter vorherrschendes Wetter. Genau aus diesem Grund meiden die meisten “Vanlifers” den chilenischen Süden in diesen Jahreszeiten. Wir haben auch oft darüber geredet, ob wir den Herbst und den Winter wirklich hier im regnerischen Süden verbringen wollten. Letztendlich wissen wir natürlich nicht wie nass und wie kalt es an den jeweiligen Orten werden wird. Aber irgendwie hatte weder Milton noch ich Lust, umzukehren und wieder Richtung Norden zu fahren. Unsere Devise war: Lass und mal schauen wie’s wird. Vielleicht haben wir Glück und finden noch das ein oder andere Haus, das uns während der ungemütlicheren Jahreszeiten aufnehmen kann. Und wenn nicht, mal schauen, wie sich der Bus so in der Kälte und im Regen macht. Wir sind  ja auch nicht aus Zucker.

 

Einer unserer Fischerausflüge fiel wegen Überschwemmung ins Wasser.

 

Auf jeden Fall konnten wir in diesem Haus in Los Lagos neue Energien auftanken. Ich hatte wieder einen Laptop zum Arbeiten und der Motor lief wieder ohne Schwierigkeiten. Milton konnte an dem für ihn sehr wichtigen Kongress teilnehmen und alle waren glücklich. Aber wir konnten ja auch nicht ewig dort Wurzeln schlagen. Es waren sowieso schon gut drei Wochen ins Land gegangen seit wir hier quasi “eingezogen” waren. Also auf zu neuen Ufern! Unsere Reise sollte Richtung Osten, also Richtung Berge und Seen weitergehen. Wir wollten den Lago Rancho und den Lago Maihue, der noch etwas weiter Richtung argentinischer Grenze liegt, erkunden. So brachen wir am 24. Mai Richtung Futrono auf und landeten auf dem Gelände eines Sand-und Kieswerkes am Ufer der Caunahue-Flusses. Auch hier fragten wir den Eigentümer, ob es ok wäre, wenn wir hier ein paar Nächte verbringen würden. “Don Moises” war ein extrem fröhlicher Mensch, ich verstand nicht viel, von dem, was er sagte, aber er lachte die ganze Zeit. Ich verstand so viel, dass es kein Problem wäre hier ein bisschen zu bleiben. Mehr wollte ich ja auch gar nicht wissen.

 

Wer findet Bagual? 

 

Wie wir das ja schon gewohnt waren, installierten wir das Vordach des Busses und die Seitenteile, um uns vor Regen und Wind zu schützen. Dann sammelten wir Feuerholz zum Kochen. Dabei erkunden wir auch das Gelände. Wir waren fast direkt an einem breiten Fluss, der Richtung Straße in eine Schlucht abfiel und dadurch schneller und reißender wurde. Die eher spärliche Ufervegetation verwandelte sich im Bereich der Schlucht in dichten, dunkelgrünen  Urwald mit rot leuchtenden wilden Copihues und Fuchsien. Kolibris flogen in der Schlucht hin und her und tranken vom süßen Nektar der hier heimischen Fuchsien. Es war ein wunderbar schöner Ort, in keinem Reiseführer beschrieben und von niemandem, außer den Einheimischen, besucht. Diese Anblicke, diese Natur, diese Wildnis: das sind definitiv Gründe, wieso Milton und ich dieses Abenteuer wagen. 

Da wir also unser Feuerholz hatten und noch ein bisschen Zeit bis zum Sonnenuntergang war, wollten wir unsere Sitzbank umklappen, um uns gemütlich zu machen und am Laptop zu arbeiten. Beim Umklappen fiel uns ein dunkler Fleck an der Teppichverkleidung des Motorraumes auf. Es war ausgelaufenes Benzin. Wir hatten anscheinend bei der Montage der Auflagefläche der Sitzbank den Benzintank durchgebohrt. Das fällt uns heute auf…sieben Monate nach Abfahrt. Ich konnte es nicht glauben. Wir waren die ganze Zeit mit einem Loch im Tank gefahren! Ich habe mich auch total über den Idioten geärgert, der uns die Sitzbank verkauft hat. Der hätte ja auch mal was sagen können bezüglich Montage. Die Tanks sind ja in allen T2 Bussen an der selben Stelle. Aber hier in Südamerika ist das ja alles egal. Ich war echt sauer! Tja, aber Milton hat wie immer alles in kürzester Zeit unter Kontrolle gehabt. Bei Don Moises lag ein Eisenprofil rum (Ja, ich sag ja nix, manchmal ist es ja auch gut, dass hier überall so viel Zeugs rumliegt. Was wir schon aus vermeintlichem “Müll” alles gebaut haben….), das perfekt als neue Auflagefläche für die Sitzbank diente und das man oberhalb des Tanks anschrauben konnte. Und das Loch im Tank flickte Milton mit irgendeiner Zwei-Komponenten-Knetmasse, die er natürlich schon mal vorsorglich irgendwo gekauft hatte. In den Situationen, in denen ich die Krise bekomme, behält er einen klaren und auch noch kreativen Kopf und findet immer eine Lösung. 

Nach zwei Nächten zogen wir weiter und schlugen für weitere zwei Nächte unser Camp im “Puerto Los LLolles” auf (Kartenpunkt 60), am Westufer des Maihue-Sees. Ein wirklich traumhafter Blick auf die bereits verschneiten Berggipfel Richtung Osten und ein schöner sonniger Morgen luden uns ein, auf einem kleinen Bootssteg zu frühstücken. 

 

Puerto Los Llolles an einem sonnigen Herbstmorgen Ende Mai 

 

Aber wir wollten noch weiter Richtung argentinische Grenze und so fuhren wir unseres Weges. Ein Feldweg brachte uns ans andere Ende des Maihue-Sees und wir campten am Ufer des Hueinahue-Flusses, in der Nähe des Ostufers des Sees. Die Auswahl unseres Platzes war ein Flop. Wenn auch landschaftlich sehr schön gelegen, das Flussufer war in diesem Falle kein geeigneter Platz, um die Nacht zu verbringen. Es war einfach extrem exponiert und der kalte Wind kam von den Bergen her und konnte im Bereich des Flusses Richtung See so richtig Fahrt aufnehmen. Bagual, unser Bus, wurde hin-und hergeschaukelt. Wir erinnerten uns an Pucón,  den Salto “El Claro”, wo wir den “Puelche”-Wind erlebt hatten, der einige Bäume entwurzelt hatte und den Bus auch wie eine Nussschale auf dem Wasser hin- und herschaukelte.

 

Blick über den Maihue-See auf dem Weg Richtung Rupumeica

 

Nach einer sehr unruhigen Nacht fuhren wir wieder Richtung Westen zurück. Über Paillaco und Corral erreichten wir das kleine Dörfchen Chaihuín am Pazifik (Kartenpunkt 64). Es war einige Zeit vergangen und es war bereits Anfang Juni.

Um ehrlich zu sein; es war keine leichte VW-Bus-Zeit. Das Wetter war schlecht, es regnete viel und das machte das Leben im Bus anstrengend. Es gab kein trockenes Brennholz und draußen kochen war wegen des vielen Regens sowieso nicht möglich. Das Vorzelt konnten wir nur bei Windstille aufbauen. Das Kochen im Bus war auch nicht das Wahre, wir haben zwar einen Gas-Campingkocher, aber es kondensiert sehr viel Wasser an den Stellen, die nicht isoliert sind. Außerdem ist der Kocher sehr klein und bietet keinen sicheren Stand für die Töpfe. Sollten wir über einen anderen Campingkocher nachdenken? Was machen wir, wenn es weiterhin so viel regnet? Beim Ein- und Aussteigen bringt man unweigerlich viel Feuchtigkeit in den Bus. Kleidung waschen ist auch nicht möglich. Also, waschen theoretisch schon, aber es trocknet einfach nichts bei diesem Wetter. Milton und ich waren beide angespannt.

 

Fahrt über die Brücke Naguilan 

 

So beschlossen wir, das Angebot einer Freundin von Milton in Osorno wahrzunehmen. Sie hatte “Cabañas” – Ferienwohnungen – in Osorno und bot uns an, ein paar Tage dort zu verbringen. Einen trockene Platz, eine Waschmaschine, eine warme Dusche…das waren genau die Dinge, die wir jetzt brauchten. Zeit, um uns neu zu sortieren, und vor Allem auch Zeit, an unseren Projekten zu arbeiten. Hier im Bus, dauernd unterwegs im Dauerregen hatten wir weder die Zeit noch die Muße zu arbeiten. Osorno, wir kommen!

 

 

 

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