RÜCKBLICK III Curarrehue


  • Junio 10, 2019
Share this :   | | | | |
RÜCKBLICK III Curarrehue

RÜCKBLICK III CURARREHUE

 

Von Katharina Wittmann

 

Nach ungefähr drei Wochen in Villarrica und Pucón schafften wir den Absprung Richtung Osten, Richtung Berge, Mitte März. Die Blätter begannen sich langsam gelb zu färben und der Herbst schickte mit Nebel, Regen und kühleren Temperaturen seine Zeichen. Wir wollten Edelweis kennenlernen und fuhren Richtung Curarrehue, wie uns Rosa aus Pucón gesagt hatte. Curarrehue liegt Nahe der chilenisch – argentinischen Grenze in den Voranden, im Tal des Flusses Machín (Kartenpunkte 50 und 51). Im Dorf angekommen, mussten wir nach Edelweis fragen, denn wir hatten keine genauere Wegbeschreibung erhalten. Aber anscheinend war sie bekannt wie ein bunter Hund und es war nicht schwer weitere (wenn auch schwammige) Anhaltspunkte zu erfragen. Auf dem Weg fragten wir immer mal wieder und kamen unserem Ziel näher. Jedoch gab es entlang der kleinen Straße einen wunderschönen  Fluß und so schöne Stellen die einfach zu perfekt waren und uns einluden ein paar Tage dort zu verweilen. So verschoben wir unseren Plan, Edelweis zu besuchen und installierten uns erst mal am Flußufer. Es war ein wunderschöner Platz, eine Lichtung, von schattenspendenden Bäumen umgeben. Es gab aber trotzdem genug Sonne um unsere Solardusche zu benutzen und auch genug Feuerholz um zu kochen. Ich machte Brot im Solarofen und stellte mit Begeisterung fest, dass uns liebe Schweinchen besuchen kamen. 

 

Die beiden Solaröfen und die Solardusche im Einsatz – bei Sonnenschein eine große Hilfe

 

Am folgenden Morgen wurden wir jedoch von einem solchen “lieben Schweinchen” aufgeweckt. Ein liebesgestörter Eber versuchte unseren Ersatzreifen, der vorne am Bus montiert war, zu bespringen. Wir warfen allerlei Zeugs nach dem Vieh und es ließ sich Gott sei Dank vertreiben, nicht ohne gute Kratzer im Lack hinterlassen zu haben. Sachen gibt’s ….

Es gab reichlich Heuschrecken und Milton meinte wir könnten ja versuchen im Fluß zu fischen. Wir hatten natürlich keine Angel. Aber das macht in Chile nichts, weil sich der Chilene aus einem Draht und einer alten Dose von der Zeitmaschine bis zum Fernseher alles selber bauen kann. Mit ein bisschen Angelschnur und einem Haken bastelten wir mit Hilfe einer leeren Flasche, auf der wir die Schnur aufwickelten, eine Angel. Köder waren Heuschrecken. Ich fand später auch Pancoras im Fluß, die wir als Köder verwendeten. Pancoras sind kleine Flusskrebse, die von Forellen natürlicherweise gefressen werden. Aber ich traute mich erst nicht, die Pancoras aufzuspiesen. An diesem Abend waren wir nicht erfolgreich. Aber in der Früh hatten wir dann tatsächlich unsere erste Forelle am Haken. Wir waren total überrascht (geangelt, und – ups – etwas gefangen!!!). Unsere erste Forelle –  ein Prachtexemplar. Wir waren wie gesagt so überrascht, dass wir natürlich kein Foto gemacht haben. Milton hat sie mit Knoblauch und Zwiebeln über dem Feuer geräuchert und sie war unglaublich lecker! 

 

schöne herbstliche Sonnentage begleiteten und am Ufer des Río Machín

 

Während unseres ca, einwöchigen Aufenthalts an diesem Platz hatten wir noch einmal das Glück eine wunderbare Regenbogenforelle zu fangen. Es war ein Fest! Dann erinnerten wir uns an Edelweis, und zogen weiter.

Wir fanden Edelweis nur ein paar Kilometer weiter die Straße rauf. Dort saß sie und wartete auf jemanden, der sie abholen sollte. In Tarnhose, ausgeblichenem T-Shirt, zerfranster Käppi und eine ca. drei Zentimeter dicke Zigarette rauchend. Wir sagten, dass uns von ihr erzählt wurde und, dass wir jetzt hier wären (ganz toller Spruch…) und sie sagte ihre Verabredung ab um sich mit uns zu unterhalten. Sie lebte allein in einem Haus mit 1000 Dingen, Schaffelle und Schafwolle, eine mit einem Oma-Ofen beheizte Küche, ein Bad und ein kleines Schlafzimmer, das wars. Sie lud uns ein zu bleiben, man merkte aber, dass sie Distanz brauchte. Wir parkten den Bus ca 50 m unterhalb des Hauses und dort schliefen wir auch. Untertags besuchten wir sie zum Frühstücken und Essen. Sie wollte in ihren Alltagstätigkeiten nicht durch uns gestört werden. Das war auch ok so, wir hatten andere Sorgen.

Auf dem kurzen Weg vom Flußufer zu Edelweis wollten wir einen kleinen Abstecher zu einer Lagune machen. Dazu mussten wir aber über einen sehr steilen Weg, der aus vielen losen Steinen bestand. Das hat der Bus nicht geschafft. Bei unseren Versuchen dort hinaufzukommen wurden unser 100 Liter Wassertank so hin- und hergerüttelt, dass die Streben, die ihn am Bus festklammerten, umknickten. Das war nun richtig sch****. Edelweis hatte jedoch ein Schweißgerät und Elektroden und sagte wir können so lange bleiben wie wir brauchten um das zu reparieren. Nun, die alten Streben konnten wir nicht mehr verwenden. Das Material war zu dünn und unstabil und jetzt auch total verbogen. Milton entschloss sich, schweißen zu lernen und aus ein paar Eisenstangen, die wir im Dorf in einem Hinterhof gefunden hatten und dem Besitzer günstig abgekauft hatten, neue Streben herzustellen. Und das hat er auch gemacht! Jetzt ist unser Wassertank auf vier handgefertigten unzerstörbaren Eisenstreben montiert und wird sich nie wieder auch nur einen Millimeter von seinem Platz bewegen.

 

Unser Privatparkplatz während unseres Aufenthalts bei Edelweis

 

Während Milton an den Streben arbeitete, verbrachte die Zeit mit anderen Dingen. Es gab eine Kuh zu melken und dann Frischkäse zu machen, Edelweis zeigte mir den Wald und die Umgebung zu Fuß und ich baute eine Angel. Ja, Version 2. Eine typische chilenische Angel “upscaled” sozusagen. Ein Stecken aus Quila (einer bambusartigen Pflanze die hier massenweise wächst), eine Metallöse an der Spitze und Angelschnur, die durch die Öse auf eine Spule aufgewickelt wird. Die Spule kann aus jeglichem zylinderförmigen Abfall bestehen, den man so im Gebüsch oder in irgendwelchen Häusern rumfliegen sieht, also zum Beispiel ein Stück Abflussrohr oder wie in meinem Fall, eine alte Gaskartusche (die ich mit dem Dremel ein bisschen modifizierte). Und so zog ich los, mit Heuschrecken bewaffnet und angelte stundenlang erfolglos…bis auf einmal. Es regnete in Strömen und ich war mit Milton am Spätnachmittag losgezogen, zu einem Felsen, der in den Fluß hineinragte und an dem ich am Vortag die Forellen wie die Delfine springen hab sehen. Ich tunkte meine Angelschnur ein und nach wenigen Minuten schon hatte ich eine Riesenforelle am Haken. Sie wog ca ein Kilo. Ich war so unglaublich stolz!!! Wir machten insgesamt vier Mahlzeiten aus ihr. 

 

Meine Forelle – ein Prachtexemplar 

 

Während der Zeit bei Edelweis war auch mein 35. Geburtstag. Den feierte ich mit einer Tüte Chips (ist ein echter Luxus für uns) und vielen vielen selbstgepflückten Brombeeren zum Marmelade machen. Von Edelweis bekam ich selbstgesponnene Wolle von ihren Schafen geschenkt. Ich freue mich schon aufs Stricken und Häkeln!

Ein weiteres Erlebnis war das Schlachten eines Huhns. Hä? Wie? Wieso sollte Katharina ein Huhn schlachten?? Ich will einfach Dinge lernen, von denen ich denke, dass sie im Leben wichtig sind. Und dazu gehört für mich, zu einem gewissen Grad für seine Lebensmittel verantwortlich zu sein. Damit meine ich gärtnern, kochen, backen, fischen und schlachten. Ich liebe Hühner und konnte es nie übers Herz bringen, meine ehemaligen Hühner in München zu schlachten. Meine Oma schlachtete Gänse und Enten, aber hat leider keinerlei didaktische und emotionale Fähigkeiten, um dies in irgendeiner Weise an ihr Enkelkind weiterzugeben. Für mich ist es halt immer noch mein kleines liebes Hühnchen, und nicht ein Brathendl, das noch Federn hat. Edelweis verstand, dass das Thema heikel für mich ist und war bereit, mit mir 2 Hühner zu schlachten; eins sie, damit ich zuschauen konnte und eins ich. So machten wir es auch. Und ohne in Details zu verfallen, ich habs gemacht! Und natürlich auch gegessen! Das Schaf-schlachten habe ich dann ihr überlassen (man muss es ja nicht übertreiben mit dem lernen).

 

Asado Cordero – Lamm am Spieß

 

Unser Huhn wurde von Milton gegrillt – in einem trockenen Flußbett kurz nach Neltume

 

Es war eine sehr lehrreiche Zeit mit Edelweis. Und auch wenn sie am Anfang etwas verschlossen war, jeden Tag wurde sie offener und erzählte von ihrer Familie und von ihrem  Leben (während sie diese typischen selbstgedrehten dicken Zigaretten rauchte und literweise Mate-Tee trank). Sie war definitiv total schrullig und nicht jedermann kommt mit ihr klar. Ich war fasziniert von ihr!

Unser Wassertank war repariert und Milton bot Edelweis an, da er ja jetzt schweißen konnte, einen Tisch, den sie schon lange haben wollte, zu bauen – nur aus recycelten Materialien. Sie war leicht irritiert, als er ihr zuerst ein 3-D Modell des Tisches am Computer zeigte, das ist ja nicht gerade wie man in Chile auf dem Land Projekte angeht. Na gut, dann blieben wir noch ein paar Tage bei Edelweis und Milton werkelte am Tisch. 

Zum Abschied schenkte sie jedem zwei ihrer selbstgegerbten Schaffelle. Toll, wir wollten schon immer Felle haben, für die Reise. Und dann verabschiedeten wir uns von ihr. Wir fuhren Richtung Lago Pullinque und Neltume, blieben dort jeweils eine Nacht und fuhren dann nach Puerto Fuy.

 

 

 

Comments (2)

Philippe Leick

12 Junio, 2019 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

Katharina, vielen Dank für deine inspirierende Reiseberichte. Ich wünsche euch weiter viel Spaß, es darf mit weniger "Verlusten" als bisher weitergehen!

¡Muchas gracias a Katharina para estas noticias de viaje inspirativas! Os deseo mucha alegria en vuestros viajes adicionales y buen salud a Bagual :-)

    admin

    18 Junio, 2019 <i class="fa fa-mail-reply"></i> Reply

    Hallo Philippe! Schön von dir zu hören! Es freut mich, dass meine Berichte gelesen werden. Es ist wirklich ein neues Leben und jeder Tag ist anders. Liebe Grüsse aus Puerto Varas, auch von Bagual!

Leave a reply