DIE FLUCHT


  • Julio 27, 2020
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DIE FLUCHT

DIE FLUCHT

 

Von Katharina Wittmann

 

Es war eisig kalt und Milton musste sehr aufpassen, unseren Bagual über die teils vereiste Oberfläche der Straße (damit meine ich “Feldweg”) zu manövrieren. Unser großes Ziel war Porvenir, ein ca. 7000 Einwohner Städtchen, aber davon waren wir noch weit entfernt. Ungefähr 335 Kilometer, und das ist viel, wenn man den Zustand der Straße, den Schnee und unser Fahrzeug in Betracht zieht. Das erste Zwischenziel war der “CMT Lago Fagnano”, das ist der “Cuerpo Militar del Trabajo Lago Fagnano”, oder auf deutsch der “militärische Arbeitsdienst am Fagnango See”. Der CMT ist eine Außenstelle des chilenischen Militärs, die hier an diesem ultra-abgelegenen Ort, nahe an der Grenze zu Argentinien – aber noch auf chilenischer Seite – neue Wege in bisher unpassierbares Gelände sprengt. Auf diese Art und Weise wird die Gegend hier erschlossen und für die zukünftige Besiedlung durch die chilenische Bevölkerung vorbereitet. Es geht hier also wirklich noch um Abgrenzung und Grenzsicherung gegenüber Argentinien. Wer also geglaubt hat, dass das vielleicht mal zwischen dem 19. oder 20. Jahrhundert ein Thema war, der weiß jetzt, dass das zumindest hier unten im extremen chilenischen Süden immer noch erklärter Aufgabenbereich des Militärs ist.

 

Wir fuhren also erst mal ungefähr 16 Kilometer von Caleta María weg, überquerten die Brücke über den Arzpoardo-Fluss, über den der Fagnano See in den Almirantazgo Fjord entwässert und fuhren wie auf rohen Eiern weiter bis zum CMT. Dort angekommen, Milton war komplett zusammengefroren und hatte nasse Füße, weil wir davor den ganzen Tag Holz gehackt hatten, redeten wir mit dem Kommandanten Álvaro, der uns sofort seine Hilfe zusicherte. Aber zuerst teilte er uns ein Zimmer in einer der Militärbaracken zu. Wir hatten Matratzen und einen Ofen um Feuer zu machen, durften an allen Mahlzeiten des Militärs teilnehmen, hatten eine funktionierende Steckdose um unsere Stirnlampen, Taschenlampe und sonstige Sachen aufzuladen und auch noch eine warme Dusche. Wir waren so unglaublich erleichtert. Die letzte Nacht hatten wir uns noch den Kopf zerbrochen wie wir aus diesem Irrenhaus am Ende der Welt jemals wieder rauskommen würden, aber jetzt sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich hatte zwar ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung, wie genau wir über diese Berge mit diesem Bus kommen sollten, aber mich beruhigte die Tatsache, dass wir schon einen großen Schritt weiter waren, zu Essen hatten und nicht frieren mussten.

 

Am nächsten Tag machten wir genau gesagt: nichts. Die gesamte Besatzung des CMT war im Einsatz um eine Wegsprengung durchzuführen und es waren keine Kapazitäten für gewagte Abenteuer frei. Naja, ein bisschen was machten wir schon. Ich räumte den Bus innen ein bisschen auf, weil wir gestern bei unserer etwas überstürzten Abreise einfach nur alles rein geschmissen hatten. Das machen wir eigentlich sonst nie, aber wir wollten einfach nur weg – und das schnell, bevor hier die Sonne untergeht (gegen 16:30 Uhr). Und Milton half bei den Schneeketten für Bagual mit. Ohne Schneeketten haben wir einfach gar keine Chance über die Berge zu kommen. Und wie aus dem Nichts tauchten plötzlich vier heavy duty Schneeketten auf, die von Daniel und Cristián professionell auf die Reifen von Bagual montiert wurden. Das war gar nicht so einfach, denn neben den unangenehmen Minustemperaturen, die das Aufziehen schon so zu einer wenig erfreulichen Arbeit machten, mussten die Ketten auch noch verkürzt und genau angepasst werden, da die Reifen von Bagual etwas kleiner waren als die Ketten. Aber alle hier beim CMT waren unglaublich hilfsbereit und vor allem auch professionell. Da wurde nichts schnell mal wischiwaschi hingeklatscht und fertig, wie das sonst so oft hier in diesem wunderschönen Land der Fall ist. Nein, hier waren die Jungs über zwei Stunden auf dem eiskalten und mit Schnee bedecktem Parkplatz am werkeln, meistens unterm Bus gelegen um die Ketten an alle vier Reifen zu kriegen, eine Runde fahren, damit man dann nochmal dort festzurren konnte, wo es sich gelockert hatte. Wirklich allererste Sahne!

 

Montage der Schneeketten – kein schöner Job

 

Es war aber auch gut für uns, dass sonst an dem Tag nicht viel passierte. Wir brauchten die Zeit um uns zu erholen und unseren enormen Luxus zu genießen. Ihr werdet vielleicht lachen, “enormer Luxus”, das waren für uns zwei Matratzen in einer vernachlässigten, düsteren Baracke, die auch mit dem Holzofen nicht wirklich den negativen Temperaturbereich verlassen wollte. Wir waren aber total im siebten Himmel, es war das Sheraton für uns – mindestens! Also genossen wir auch das  “Bundeswehressen” (auch das ein unbeschreiblicher Genuss für uns!) und schliefen wie die Götter.

 

Auf geht’s! Wir sind reisefertig!

 

Am nächsten Tag machten wir uns gegen zehn Uhr auf, als die Sonne zumindest mit indirektem Licht den Tag ankündigte. Es ging endlich los! Nächstes Zwischenziel für heute war Pampa Guanaco. Das waren zwar nur ungefähr 85 Kilometer, aber über zwei verschneite Bergketten drüber. Wir waren perfekt vorbereitet, Bagual scharrte mit den Hufen (mit seinen tollen Scheeketten sah er wirklich sehr stolz aus!) und wir wurden von Álvaro und Daniel in einem Allrad-Krankenwagen begleitet. Es konnte also nichts passieren. Der Tag war phänomenal schön, die Sonne erleuchtete eine unglaublich imponierende winterliche Berglandschaft. Der Fagnano-See und die umliegenden Gebirge erstrahlten in der klirrenden Kälte eines wunderschön klaren Wintertages. Herrlich!

 

Im Schneckentempo und mit den Geräuschen eines Panzers schob sich Bagual vorwärts. Die Ketten und der Schnee reduzierten unser eh schon langsames Grundtempo noch einmal deutlich. Aber es gab ja auch keinen Geschwindigkeitspreis zu gewinnen. Bagual krallte sich in den relativ neuen und nicht sehr tiefen Schnee und der erste Anstieg zur höheren der beiden Bergketten begann ohne Probleme. Álvaro und Daniel folgten mit einigem Abstand im Krankenwagen. Nicht ein Mal rutschten wir weg, es war fast als hätte Bagual Freude an dieser für VW-Busse diesen Alters und unter diesen klimatischen Bedingungen schwer zugänglichen Landschaft. Es war fast etwas verdächtig, dass alles so reibungslos ging. Und, auch wenn Bagual in seinem Elixier zu sein schien, er konnte es nicht lassen seinen Charakter zu zeigen. An der letzten Kurve vor dem Gipfel, Milton hatte sie etwas eng genommen, ging der Motor plötzlich von selbst aus. Es war der denkbar ungünstigste Ort wo das passieren konnte. Aber, was will man machen?

 

Jetzt war ein kühler Kopf gefragt. Benzinpumpe? Funktioniert. Zündkerzen? Die Funken sprangen. Elektrische Kabel? Alle angeschlossen. Vergaser? Auch ok. Also was war’s denn jetzt? Der Verteiler! (das Ding, dass die elektrischen Signale an die Zündkerzen gibt) Er war um 180 Grad gedreht und hat somit die Funken zum falschen Zeitpunkt an die Zündkerzen weitergegeben. Genau diese Panne hatten wir im Sommer, als wir die Carretera Austral begonnen hatten. Kurz nachdem wir aus Puerto Montt gestartet waren. Und Milton hat einfach mittlerweile die am häufigsten auftretenden Pannen alle mitgemacht und konnte innerhalb von 20 Minuten das Problem ausfindigmachen und beheben. Da macht ihm echt keiner was vor! Aber stressig war die Situation auf jeden Fall!

 

Nach diesem kurzen Schock ging unsere Weiterfahrt ohne Probleme weiter, das Wetter war traumhaft und unsere fluchtartige Abfahrt von Caleta María fast vergessen. Daniel und Álvaro begleiteten uns noch bis ein paar Kilometer vor Pampa Guanaco und verabschiedeten sich mit einer Kiste voller Proviant für uns. Sandwich, Brownie, Müsliriegel…. Wir sind den beiden und dem Cuerpo del Trabajo Lago Fagnano so unglaublich dankbar! Ich weiß nicht, wer von euch schon mal in einer ähnlichen Situation war? Wir waren einfach auf die Hilfe angewiesen und hätten es alleine nicht geschafft. Aber es war auch keine schöne Vorstellung, nach Caleta María zurückkehren zu müssen…also blieb uns nur die Option “Flucht nach vorne”. Tja, es hat geklappt und war echt eine spannende und auch sehr schöne Erfahrung.

 

Schnee, Sonne und Guanakos

 

Klar, jetzt waren wir in Pampa Guanaco, immer noch weit von Porvenir entfernt. Letztendlich brauchten wir noch drei Tage, um in Porvenir anzukommen, da wir in Pampa Guanaco die Schneeketten abzogen, aber trotzdem natürlich sehr vorsichtig und langsam durch die winterliche Landschaft tuckerten. Wir schliefen an verschiedenen Orten, direkt am Meer und versteckt hinter einem Turm aus Silageballen.  Unter Tags, während der wenigen Sonnenstunden, fuhren wir langsam Richtung Porvenir, immer darauf bedacht nicht mit den tausenden von Guanakos zusammenzustoßen, die den Weg querten. Es war saukalt und da wir uns nicht viel bewegten und natürlich wieder mit offenem Fenster fahren mussten, froren wir ziemlich viel. In der Nacht war es gemütlicher, da wir gute Schlafsäcke hatten. Aber trotz Kälte und glatter Straßen kamen wir letztendlich Mitte Juni in Porvenir an.

Wie geht’s weiter? Erst mal müssen wir langsam wieder auftauen, sonst ist das Schreiben auf der Tastatur so schwierig…

 

 

 

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